Übergangsprobleme in Alltagssituationen können sowohl mit ADHS als auch mit Autismus zu tun haben – aber über unterschiedliche neuropsychologische Mechanismen, die für die Auswahl wirksamer Strategien zentral sind. Werden diese Unterschiede übersehen, besteht die Gefahr, dass Interventionen ins Leere laufen oder sogar zusätzlichen Stress erzeugen. Wenn du verstehst, was hinter einem „schwierigen" Übergang wirklich steckt, kannst du viel gezielter unterstützen.
Was meinen wir mit „Übergängen"?
In der neurodivergenzsensiblen Pädagogik wird der Begriff „Übergang" häufig weit gefasst und umfasst sowohl innere als auch äußere Wechsel. Gemeint sind zum Beispiel das Beenden einer Tätigkeit, das Initiieren einer neuen Aktivität, der Wechsel des räumlichen Kontextes oder ein sensorischer Zustand, der sich abrupt verändert.
Übergänge sind dabei nicht nur große Lebensereignisse wie ein Schulwechsel, sondern vor allem Mikrotransitionen im Alltag, etwa von freiem Spiel zu strukturierter Aufgabe oder vom ruhigen Lesen zum Gang ins Bad. Gerade diese Mikrotransitionen sind für viele neurodivergente Menschen besonders belastend, weil sie hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen, Emotionsregulation und sensorische Verarbeitung stellen.
Exekutivfunktionen und ADHS: Warum das Starten so schwer ist
ADHS wird in gängigen Klassifikationssystemen (DSM-5-TR, ICD-11) als Störung der neurokognitiven Entwicklung beschrieben, bei der zentrale Exekutivfunktionen beeinträchtigt sind, unter anderem Inhibition, Arbeitsgedächtnis und kognitive Flexibilität. Diese Exekutivfunktionen sind wesentlich daran beteiligt, Handlungen zu planen, zu beginnen, aufrechtzuerhalten und wieder zu beenden – also genau das, was Übergänge erfordern.
Forschung und klinische Erfahrungsberichte zeigen, dass Menschen mit ADHS insbesondere Schwierigkeiten beim Task Switching haben, also beim Umsteuern der Aufmerksamkeit und des Handelns von einer Aufgabe zur nächsten. Im Kontext von Übergängen bedeutet das: Das „Loslegen" mit der neuen Tätigkeit, etwa der Gang ins Bad oder das Anfangen mit den Hausaufgaben, ist der eigentliche Engpass, weniger der sensorische Reiz selbst.
Autismus: sensorische und vorhersagebasierte Belastung
Autismus wird unter anderem durch Unterschiede in sozialer Kommunikation, eingeschränkte und repetitive Verhaltensmuster sowie Besonderheiten in der sensorischen Verarbeitung beschrieben. Aktuelle Klassifikationssysteme betonen explizit, dass atypische sensorische Reaktionen, also Über- oder Unterempfindlichkeit oder die Suche nach bestimmten Reizen, ein diagnostisches Kernkriterium sind.
Neurowissenschaftliche Modelle gehen davon aus, dass autistische Gehirne tendenziell „überstabile" Netzwerke aufweisen, die schwerer zwischen Zuständen wechseln. Hinzu kommt, dass Vorhersagbarkeit und Routinen eine zentrale Rolle für die Stressregulation spielen: Unerwartete oder schlecht vorbereitete Übergänge führen zu einem Anstieg von Stress, weil sensorische, motorische und kognitive Systeme gleichzeitig umorganisiert werden müssen.
Geteilte und unterschiedliche Mechanismen
Sowohl bei ADHS als auch bei Autismus werden Übergänge als schwierig beschrieben, doch die zugrunde liegenden Mechanismen sind nicht identisch. Bei ADHS stehen Defizite in Initiierung, Organisation und Aufmerksamkeitssteuerung im Vordergrund; bei Autismus dominieren Unterschiede in sensorischer Verarbeitung und im Umgang mit Unvorhersehbarkeit.
Komorbide Verläufe sind häufig: Meta-Analysen und Übersichtsarbeiten zeigen hohe Raten von Co-Occurrence, was auf gemeinsame genetische und neurokognitive Faktoren hinweist. Empirische Studien legen nahe, dass die Kombination von ADHS und Autismus mit einem erhöhten Funktionsbeeinträchtigungsgrad einhergeht, etwa in sozialen, schulischen und alltagspraktischen Bereichen.
ADHS-Übergangsprobleme: Fokus auf Initiierung und Task Switching
Für Menschen mit ADHS erfordern Übergänge einen komplexen Satz von Mikroentscheidungen: das Unterbrechen einer aktuell reizvollen oder hyperfokussierten Aktivität, das Aktualisieren eines neuen Handlungsziels und das Durchhalten der ersten Arbeitsschritte trotz möglicher Ablenkungen. In der Exekutivfunktionsforschung wird dies als Kombination aus kognitiver Flexibilität, Handlungsinitiierung und Emotionsregulation beschrieben.
Klinische und psychoedukative Quellen beschreiben, dass Betroffene Übergänge oft als „unsichtbare Wand" erleben: Die Person weiß kognitiv, was zu tun wäre, erlebt aber eine große innere Trägheit oder Widerstand, den sie sich selbst oft nicht erklären kann. Diese Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln wird häufig fälschlicherweise als „Faulheit" oder „mangelnde Motivation" interpretiert, obwohl sie eher Ausdruck einer neurokognitiven Barriere ist.
Autistische Übergangsprobleme: der Wechsel selbst als Stressor
Bei Autismus wird der Übergang selbst, also der Prozess des Wechsels, häufig als primärer Stressor beschrieben. Hier spielen mehrere Faktoren zusammen: Änderungen in Temperatur, Körpergefühl, Kleidung, Geräuschpegel oder Lichtverhältnissen können zu sensorischer Überlastung führen, gleichzeitig wird eine vertraute, vorhersagbare Situation verlassen, was das Sicherheitserleben destabilisiert.
Forschungsarbeiten zur sensorischen Hyperreaktivität zeigen, dass autistische Personen sensorische Veränderungen intensiver und weniger gefiltert wahrnehmen, was die Kapazität für parallele kognitive Anpassungsleistungen, etwa das Befolgen von Anweisungen, einschränkt. In diesem Kontext sind Übergänge dann nicht primär eine Frage der Willenskraft oder Organisation, sondern der Stressregulation und des Umgangs mit sensorischer und struktureller Instabilität.
Wenn ADHS und Autismus zusammenkommen
Studien zur komorbiden Ausprägung zeigen, dass die Kombination von ADHS und Autismus mit erhöhten Alltagsbelastungen und komplexeren klinischen Profilen verbunden ist. Es kommt zu einer Überlagerung von exekutiven Schwierigkeiten, etwa Initiierung und Organisation, sowie sensorischer Vulnerabilität und erhöhter Bedürftigkeit nach Vorhersagbarkeit.
Langzeitstudien weisen darauf hin, dass komorbide Verläufe mit einem höheren Risiko für zusätzliche psychische Belastungen wie Angststörungen oder depressive Symptome einhergehen, insbesondere in Phasen erhöhter Übergangsanforderungen. Für pädagogische und therapeutische Settings bedeutet das, dass standardisierte Strategien für „nur ADHS" oder „nur Autismus" hier häufig nicht ausreichen, sondern adaptierte, multimodale Ansätze erforderlich sind.
Warum Differenzierung wichtig ist
Aus klinischer Perspektive wird seit einigen Jahren verstärkt betont, dass ADHS und Autismus zwar häufig gemeinsam auftreten, aber eigenständige neuropsychologische Profile aufweisen, die jeweils spezifische Interventionsansätze erfordern. Wenn Übergangsprobleme pauschal einem Label zugeordnet werden, ohne die beteiligten Mechanismen zu analysieren, besteht die Gefahr von Fehldeutungen und damit von Fehlanpassungen in der Unterstützung.
Eine differenzierte Betrachtung ermöglicht es dir dagegen, Strategien gezielt an den jeweiligen „Engpass" anzusetzen, sei es Initiierung, Planung, sensorische Regulation oder Vorhersagbarkeit, und damit die Wirksamkeit der Intervention zu erhöhen. In der Praxis bedeutet das, dass Diagnosen als Rahmen dienen, den individuellen Mechanismus aber nicht ersetzen können: Systemische und neuroaffirmative Arbeit fragt nach Funktion und Kontext des Verhaltens, nicht nur nach seiner Etikettierung.
Pädagogische Implikationen und neuroaffirmative Perspektiven
In schulischen Kontexten werden Übergänge traditionell als Disziplin- oder Organisationsproblem gerahmt, etwa wenn Schüler:innen „zu lange trödeln" oder „nicht mitmachen". Eine neuroaffirmative Perspektive geht davon aus, dass Übergangsverhalten Ausdruck neurobiologischer Bedürfnisse ist, und interpretiert es nicht primär als Widerstand oder mangelnde Kooperation.
Es empfiehlt sich also, Übergangsanforderungen möglichst vorhersehbar, kleinschrittig und sensorisch verträglich zu gestalten, etwa durch klare Routinen, visuelle Hinweise, Vorankündigungen und Anpassungen von Reizumgebung und Zeitdruck. Dabei hat sich gezeigt, dass Partizipation, also das Einbeziehen der betroffenen Kinder und Jugendlichen in die Planung von Übergängen, ein wesentlicher Faktor für die Akzeptanz und Wirksamkeit von Maßnahmen ist.
Übergänge in der Praxis sicher begleiten
Wenn du lernen möchtest, solche feinen Unterschiede zwischen ADHS- und autismusbedingten Übergangsproblemen im Alltag sicher zu erkennen und passende Strategien abzuleiten, ist das Basismodul zum zertifizierten Neurodivergenzcoach ein guter Einstieg. Dort lernst du, neurobiologische Mechanismen zu verstehen und daraus konkrete, individuell passende Interventionen abzuleiten, statt auf pauschale Etiketten zu setzen.
Wenn du dich vorab unverbindlich austauschen möchtest, schau gerne bei unseren Coffee Calls vorbei, und im LOS Coach Connect findest du weitere Formate rund um neuroaffirmative Pädagogik und Coaching.


