Du vergisst eine Deadline, redest im falschen Moment zu schnell oder merkst mitten im Gespräch, dass du den Faden verloren hast. Dein Körper zieht sich zusammen, die Wangen glühen, und im Kopf läuft eine leise, harte Stimme: „Mit mir stimmt etwas nicht."
Das ist Scham. Viele neurodivergente Menschen kennen sie sehr gut, oft besser, als ihnen lieb ist. In der aktuellen Folge von Strange Brains haben Annika und Ben mit der systemischen Therapeutin und Dozentin Sarah Jelinek darüber gesprochen. Im Podcast geht es um persönliche Erfahrungen und den Blick aus der Praxis. In diesem Artikel gehen wir einen Schritt weiter und schauen, was die Forschung zu Scham, ADHS, Autismus und Masking sagt.
🎧 Zur Folge: „Scham bei ADHS & Autismus" findest du auf allen gängigen Podcast-Plattformen und auf YouTube. Hier geht es zu Strange Brains.
Was ist Scham eigentlich?
Scham gehört zu den sogenannten selbstbezogenen Emotionen. Sie entsteht, wenn wir das Gefühl haben, den Erwartungen anderer oder unseren eigenen nicht zu genügen. Meist geschieht das in einem sozialen Moment: Jemand sieht uns zu, jemand bewertet uns, oder wir stellen uns vor, dass jemand es tun könnte.
Sarah hat in der Folge betont, dass Scham ein Beziehungsgefühl ist. Sie braucht Zeug:innen, real oder in unserer Vorstellung. In Annikas Geschichte vom „Schlammplatscher" gab es gleich zwei solcher Momente. Zuerst haben alle auf dem Schulhof zugesehen, danach saß sie in nassen, dreckigen Kleidern im Unterricht. Genau dieses Gesehenwerden macht Scham so schwer erträglich.
Evolutionär ergibt das Sinn. Menschen sind soziale Wesen, und die Zugehörigkeit zur Gruppe war über Jahrtausende überlebenswichtig. Scham ist ein Alarmsignal, das uns davor schützt, aus der Gemeinschaft zu fallen. Ben hat in der Folge das Bild vom Mammut genutzt, das man nur einmal allein aufisst. Danach schämt man sich, und das Gefühl erfüllt seinen Zweck: Wir passen unser Verhalten an.
Der Alarm kann aber auch zu laut werden. Dann schützt er nicht mehr, sondern verletzt.
Scham und Schuld: Der entscheidende Unterschied
Im Alltag benutzen wir die Wörter oft, als wären sie dasselbe. Psychologisch unterscheiden sie sich deutlich. Die Psychologin June Tangney, eine der wichtigsten Forscherinnen auf diesem Gebiet, beschreibt den Kern so: Bei Schuld bewerten wir ein konkretes Verhalten („Ich habe etwas Falsches getan"). Bei Scham bewerten wir das ganze Selbst („Ich bin falsch").
Diese Verschiebung hat Folgen. Nach Tangneys Übersicht ist Schuld in der Regel mit Wiedergutmachung, Empathie und Verhaltensänderung verbunden. Scham führt dagegen eher zu Rückzug, Verstecken und Abwehr. In ihrer Arbeit „Constructive and destructive aspects of shame and guilt" fasst sie zusammen, dass scham-neigende Menschen im Schnitt weniger empathisch reagieren. Der Grund liegt darin, dass sie in der Situation vor allem mit dem eigenen Schmerz beschäftigt sind.
Auch zur psychischen Gesundheit gibt es Hinweise. Studien zeigen, dass die Neigung zu Scham mit depressiven Symptomen zusammenhängt, während die Neigung zu Schuld das nicht oder deutlich schwächer tut. Ein Beispiel ist eine Untersuchung zu Scham- und Schuldneigung als Mediatoren depressiver Symptome.
Sarah hat das in der Folge anschaulich gemacht: Schuld können wir oft anpassen, indem wir uns entschuldigen, es ausbessern oder beim nächsten Mal anders machen. Bei Scham geht es um etwas Existenzielles, nämlich um unsere Zugehörigkeit, unsere Würde und unsere Integrität. Deshalb hat sie einen so hohen Bedrohungsfaktor.
Natürliche Scham und Beschämung
Scham ist nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Sarah hat in der Folge mit einem Bild von Stefan Marks gearbeitet, nach dem die Scham die „Hüterin der Würde" ist. Kinder, die sich allein umziehen oder allein zur Toilette gehen möchten, zeigen eine gesunde Scham. Sie schützt ihre Privatsphäre und ihre Grenzen. Es ist wichtig, das zu respektieren.
Als Bild dafür nutzt Sarah ein Schamglas, das bei jedem Menschen schon ein Stück weit gefüllt ist. Das ist normal und sogar nützlich, denn wir lernen so soziale Normen. Eltern können dabei helfen, indem sie Schamgefühle benennen: „Das, was du gerade fühlst, ist Scham. Die kenne ich auch."
Beschämung ist etwas anderes. Sie kommt von außen. Jemand sagt oder tut etwas, das unsere Würde, unsere Zugehörigkeit oder unseren Schutz angreift, und kippt damit zusätzliche Flüssigkeit in ein ohnehin gefülltes Glas. Irgendwann läuft es über.
Der Unterschied ist wichtig, weil er den Blick verändert. Wenn du dich schämst, ist das nicht automatisch ein persönliches Defizit. Oft hat dich jemand oder etwas beschämt. Das kann ein Kommentar sein, eine Note, ein Blick oder ein System, das keinen Platz für dich vorsieht.
Vier Gesichter der Scham
Sarah hat in der Folge vier Formen von Scham genannt, die im Alltag oft verschwimmen:
- Anerkennungsscham: Du stehst im Mittelpunkt, wirst gelobt oder bewertet und denkst: „Jetzt muss ich liefern."
- Intimitätsscham: Du möchtest dich nicht zeigen, körperlich oder emotional.
- Zugehörigkeitsscham: Du hast das Gefühl, nicht dazuzugehören oder anders zu sein.
- Gewissensscham: Du hast gegen eigene Werte gehandelt oder konntest sie nicht leben.
Diese Unterscheidung hilft, die eigene Scham genauer zu verstehen. Wer nur „Ich schäme mich" sagt, bleibt oft im diffusen Gefühl hängen. Wer erkennt „Mir ist gerade die Aufmerksamkeit unangenehm" oder „Ich fühle mich ausgeschlossen", kann gezielter nachsehen, welches Bedürfnis dahintersteckt.
Gerade die Anerkennungsscham überrascht viele. Wenn dir Lob unangenehm ist, bist du damit nicht unhöflich oder kompliziert. Du reagierst vermutlich auf Druck, Erwartung und Sichtbarkeit.
Scham bei ADHS: Wenn kleine Momente sich summieren
Für ADHS gibt es inzwischen eine wachsende Zahl an Arbeiten, die sich dem Thema Scham widmen. Eine aktuelle klinische Perspektive, „The Role of Shame in ADHD: Reflections from Clinical Practice", beschreibt ein typisches Muster. Scham entsteht oft nach einer verpassten Aufgabe, einer Rüge oder einem Flüchtigkeitsfehler. Jeder dieser Momente wirkt für sich klein, aber über die Jahre verdichten sie sich und verstärken still das Gefühl, nicht zu genügen. Außerdem beschreibt die Arbeit, dass sich Kinder und Jugendliche mit ADHS häufig anders, missverstanden und ausgeschlossen fühlen. Solche Erfahrungen können Identitäten prägen.
Annika hat das in der Folge eindrücklich geschildert. Impulsivität bringt Menschen mit ADHS öfter in Situationen, die peinlich enden können. Sie rennt los, ohne nachzudenken, und landet im Schlamm. Mit jeder dieser Erfahrungen wächst die Erwartung, dass es wieder passiert, und damit wächst auch die Scham.
Auch die Forschung zu Stigma zeigt ein ähnliches Bild. Eine systematische Übersicht zu Stigma bei Erwachsenen mit ADHS fand, dass stärkere ADHS-Symptome mit mehr verinnerlichtem Stigma zusammenhängen. Dieses wiederum geht mit Funktionseinschränkungen, geringerem Selbstwert und schlechterer Lebensqualität einher. Die Autor:innen betonen aber auch, dass die Datenlage noch begrenzt ist. Nicht jede Person mit ADHS entwickelt ein hohes Maß an Selbststigmatisierung.
Das ist eine wichtige Einordnung. Scham gehört nicht zu ADHS wie ein Symptom. Sie entsteht im Zusammenspiel zwischen Veranlagung und einem Umfeld, das auf diese Veranlagung oft mit Kritik reagiert.
Rejection Sensitivity: Wenn Ablehnung wochenlang nachhallt
Annika hat in der Folge die Rejection Sensitivity Dysphoria (RSD) erwähnt, also die sehr starke Angst vor Ablehnung. Sie beschreibt, wie sie eine Situation aus der Schulzeit noch Jahre später „wie in einem Film" vor dem inneren Auge abspielen kann und wie ein einziges Wort sie zurückholt.
Viele Menschen mit ADHS erkennen sich in dieser Beschreibung wieder. Wichtig ist aber die Einordnung: RSD ist keine offizielle Diagnose und kein anerkanntes Diagnosekriterium. Der Begriff stammt aus dem Erfahrungswissen von Betroffenen und aus der klinischen Praxis. Er kann helfen, eigene Erlebnisse in Worte zu fassen. Er sollte aber nicht als gesicherte medizinische Kategorie verstanden werden.
Das Grübeln, die Wiederholung und das innere Abspielen von Situationen sind bei Scham ohnehin typisch. Das Gehirn versucht, eine Bedrohung zu verstehen, um sie künftig zu vermeiden. Wenn die Bedrohung aber das eigene Selbstbild betrifft, findet das Grübeln kein Ende. Es gibt keine Handlung, mit der sich ein „Ich bin falsch" wiedergutmachen ließe.
Scham bei Autismus: Masking als Schutzstrategie
Bei autistischen Menschen spielt häufig ein weiteres Thema hinein: Masking, in der Forschung auch Camouflaging genannt. Gemeint ist der Versuch, autistische Merkmale zu verbergen und neurotypisches Verhalten nachzuahmen, um nicht aufzufallen oder abgelehnt zu werden. Aktuelle Forschung beschreibt es als Anpassung an soziale Erwartungen, nicht als Täuschung.
Eine qualitative Studie, „Autistic Adults' Experiences of Camouflaging and Its Perceived Impact on Mental Health", zeigt, wie belastend das sein kann. Die Teilnehmenden berichteten von Erschöpfung, mentalen Zusammenbrüchen und teilweise auch von Suizidgedanken. In einer größeren Befragung, „Autistic Masking in Relation to Mental Health, Interpersonal Trauma …", hing starkes Masking mit schlechterer psychischer Gesundheit, geringerer Authentizität und Burnout zusammen. Außerdem stand es im Zusammenhang mit früheren Erfahrungen von Hänseln und Beschämung wegen autistischer Merkmale.
Das passt zu dem, was Ben und Annika in der Folge besprochen haben. Wer ständig das Gefühl hat, so, wie er oder sie ist, nicht richtig zu sein, versucht, sich zu verändern. Das Maskieren schützt kurzfristig vor Beschämung, kostet aber langfristig Kraft und kann die innere Scham sogar verstärken.
Gleichzeitig ist die Forschungslage differenzierter, als es manche Schlagzeile nahelegt. Ein aktueller Überblick zeigt zwar immer wieder Zusammenhänge zwischen Masking und psychischer Belastung. Gleichzeitig weisen Fachleute darauf hin, dass der Beleg für eine ursächliche Wirkung noch fehlt. Es gibt bisher wenige Längsschnittstudien. Eine Fachübersicht der ACAMH, „Rethinking Autistic Camouflaging", ordnet das Thema entsprechend vorsichtig ein.
Für dich heißt das: Masking ist nicht einfach „schlecht" und du bist nicht „selbst schuld", wenn du es tust. Es ist eine nachvollziehbare Reaktion auf ein Umfeld, das Andersartigkeit häufig sanktioniert.
Frühe Erfahrungen und die Frage nach der eigenen Identität
In der Folge ging es auch darum, wie Scham die Identitätsentwicklung beeinflussen kann. Annika hat die oft zitierte Aussage erwähnt, dass neurodivergente Kinder bis zum Alter von acht oder neun Jahren deutlich mehr korrigierende Rückmeldungen bekommen als neurotypische. Die genaue Zahl („20.000 mehr") taucht in vielen Vorträgen und Büchern auf, ist aber nicht sauber belegt. Deshalb solltest du sie eher als Veranschaulichung verstehen, nicht als wissenschaftliche Messgröße. Die Richtung lässt sich aber nachvollziehen: Wer häufiger anders ist, bekommt häufiger gesagt, was „falsch" ist.
Sarah hat beschrieben, was Kinder in dieser Situation brauchen. Wichtig ist eine sichere Bindung, in der das Kind erlebt: „Ich darf Fehler machen, ohne ein Fehler zu sein." Eltern können das fördern, indem sie ihre eigenen Gefühle halten können, Kinder ko-regulieren und selbst einen guten Umgang mit Scham haben. Kinder lernen dabei sehr viel durch das, was sie bei den Erwachsenen beobachten, wie sie mit sich selbst umgehen und wie sie miteinander sprechen.
Besonders eindrücklich war ihr Hinweis auf die Doppelbindung. Das passiert, wenn Haltung und Worte nicht zusammenpassen, etwa „Mach ruhig Fehler" bei sichtbarer Enttäuschung. Das Kind kann dann nicht entscheiden, welcher Botschaft es folgen soll. Es kann nur „falsch" liegen. Weil es die Situation nicht auf einer Metaebene betrachten kann, zieht es den Schluss: „Ich bin falsch."
Lob und Ermutigung: Warum Anerkennung nicht immer hilft
Eine der überraschendsten Aussagen der Folge war: Lob ist ein Stück weit Strafe, nur umgekehrt. Beides bildet eine Hierarchie ab. Jemand steht über mir und bewertet, was ich getan habe. Das passiert meist unbewusst. Wir glauben, Anerkennung zu geben sei ausschließlich schön.
Für viele Menschen ist Lob aber unangenehm. Sie fühlen sich beobachtet, bewertet oder unter Druck gesetzt, das gelobte Niveau halten zu müssen. Besonders bei neurodivergenten Menschen kann das zusammenkommen mit der Erfahrung, dass Rückmeldungen meist Kritik bedeuteten.
Sarah schlägt Ermutigung vor, die beschreibt und fragt, statt zu bewerten:
- Statt „Super Note, toll gemacht!" lieber: „Wie geht es dir damit?"
- Statt „Was für ein tolles Bild!" lieber: „Was siehst du da? Erzähl mir, was du dir dabei gedacht hast."
- Statt Urteil lieber Interesse: „Wie war das für dich?"
Ben hat in der Folge treffend ergänzt, dass Kinder merken, wenn „Tolles Bild!" nicht ernst gemeint ist. Beschreibende und interessierte Fragen sind ehrlicher. Sie lassen das Kind selbst entscheiden, wie es sein Werk einschätzt. Genau so kann Stolz entstehen, den man nämlich nicht von außen machen kann, sondern der von innen wächst.
Schule: Wiedergutmachung statt Strafe
Besonders deutlich wird die Wirkung von Beschämung im Schulalltag. Sarah hat es so formuliert: Scham verhindert die Lust, sich zu zeigen, kreativ zu werden und ins Spiel zu kommen. Wer in Abwehr ist, kann nicht lernen. Annika hat in der Folge ergänzt, dass Strafe meist ohne Bezug zum Verhalten steht und eher bedeutet: „Ich komme gerade nicht mehr klar, also schiebe ich dich weg."
Als Alternative bietet sich die Wiedergutmachung an. Ein Beispiel aus Annikas Klassenzimmer: Ein Kind hatte ein Regal beschädigt. Statt eines neuen Regals, das die Eltern einfach kaufen, kam das Kind mit seinem Vater am Nachmittag und reparierte es gemeinsam. So bleibt das Kind handlungsfähig und erlebt sich als wirksam, ohne bloßgestellt zu werden.
Ben hat außerdem auf den rechtlichen Rahmen hingewiesen: Maßnahmen im Schulgesetz haben einen erziehenden Charakter und sollen Lernen ermöglichen, nicht bestrafen. Die genauen Regelungen unterscheiden sich je nach Bundesland, und wir sind hier keine Rechtsexpert:innen. Der Grundgedanke bleibt aber hilfreich: Es geht um Lernen und nicht um Vergeltung.
Und noch ein Hinweis von Sarah, der viel erklärt: Wer die eigene Scham nicht halten kann, versucht oft, sie loszuwerden, indem er oder sie andere beschämt. Deshalb ist der gute Umgang mit der eigenen Scham eine Grundvoraussetzung für Pädagogik und Führung.
Diagnose: Entlastung, aber kein Allheilmittel
Im Gespräch kam auch die Frage auf, ob eine Diagnose Scham verstärkt oder lindert. Annikas Erfahrung war eindeutig: Die Diagnose im Erwachsenenalter war für sie entlastend. Sie hatte sich lange für ihre Überforderung nach sozialen Situationen geschämt, weil sie dachte, andere schaffen das doch auch. Die Erklärung brachte Erleichterung und einen Perspektivwechsel: Vielleicht müssen wir Missverständnisse zwischen neurodivergenten und neurotypischen Menschen wechselseitig betrachten.
Sarah hat dazu eine wichtige Warnung ausgesprochen. Sie sieht kritisch, wenn ADHS als „Superkraft" vermarktet wird, weil das das Leid vieler Menschen kleinreden kann. Außerdem lohnt sich bei einer ADHS-Verdachtsdiagnose ein genauer Blick, ob nicht Traumafolgen (etwa PTBS oder komplexe PTBS) eine Rolle spielen. Beides kann gleichzeitig vorliegen. Eine Diagnose ist deshalb eine fachliche Einordnung, die eine seriöse Abklärung braucht, kein Etikett, das sich ein Mensch aussucht, weil es sich besser anfühlt.
Ob die Diagnose früh oder spät gestellt wird, scheint weniger entscheidend zu sein als die Frage, auf wen man trifft. Wie aufgeklärt sind Lehrkräfte, Ärzt:innen und das Umfeld? Gibt es Zeit und Ressourcen, sich zu informieren? Und ist ein Nachteilsausgleich wirklich sinnvoll gestaltet? Annika hat das Beispiel genannt, dass zusätzliche Prüfungszeit Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten nicht besser schreiben lässt. Die Note steht dann trotzdem unter der Arbeit, und die Beschämung bleibt.
Was dir bei Scham helfen kann
Aus Forschung und Folge lassen sich mehrere Ansatzpunkte ableiten. Sie ersetzen keine Therapie, können aber ein Anfang sein:
- Scham wahrnehmen und benennen. Sag dir innerlich: „Ich schäme mich gerade." Das schafft einen kleinen Abstand zwischen dir und dem Gefühl. Achte auf deinen Körper, etwa auf eingezogene Schultern, einen engen Brustkorb oder Hitze im Gesicht.
- Dich annehmen, auch mit Scham. Sarahs erster Schritt lautet: „Das bin ich auch. Ich bin auch jemand, der sich schämt." Das Ziel ist nicht, die Scham loszuwerden, sondern sie zu dir zu holen. Teile von uns, die wir wegschieben wollen, werden dadurch meist lauter.
- Verhalten und Selbst trennen. Übe den Satz „Ich habe einen Fehler gemacht" statt „Ich bin ein Fehler". Das ist der Kern des Unterschieds zwischen Schuld und Scham.
- Mit Humor und Wärme auf Missgeschicke schauen. Ben hat in der Folge erzählt, wie er seine verpasste „Arthropoden"-Frage in der Diplomprüfung inzwischen als Anekdote erlebt. Familien können sich dafür kleine Rituale schaffen. Wichtig ist, dass der Humor verbindet und nicht auf Kosten einer Person geht.
- Wiedergutmachung statt Selbstbestrafung. Wenn etwas tatsächlich schiefgelaufen ist, frag dich: „Was kann ich konkret tun, um es auszugleichen?" Das macht dich handlungsfähig.
- Umfeld prüfen. Manchmal liegt das Problem nicht in dir, sondern in Bedingungen, die dir keinen Platz lassen. Die Frage lautet dann nicht „Wie funktioniere ich besser?", sondern „Was brauche ich, um so sein zu dürfen, wie ich bin?"
- Begleitung suchen. Wenn Scham dich im Alltag stark einschränkt, können Psychotherapie, Coaching, Beratung, Gruppenangebote oder systemische Aufstellungsarbeit hilfreich sein. Sarah arbeitet unter anderem mit Bodenankern und Stellvertreter:innen, um der eigenen Scham einen Platz zu geben.
Wichtig: Dieser Artikel ersetzt weder eine Diagnose noch eine Therapie. Wenn Scham, Ängste oder depressive Gedanken dich stark belasten, such dir bitte professionelle Unterstützung. In akuten Krisen erreichst du die Telefonseelsorge in Deutschland kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
Was Eltern, Lehrkräfte und Führungskräfte tun können
Scham entsteht in Beziehungen, und sie kann dort auch wieder heilen. Wer Menschen begleitet, hat deshalb eine große Wirkung, im Guten wie im Schlechten.
- Eigene Scham kennen. Wer die eigene Scham halten kann, beschämt weniger. Selbsterfahrung ist hier kein Luxus, sondern eine Voraussetzung.
- Beschreiben statt bewerten. „Ich sehe, dass du rot und grün gemischt hast" öffnet mehr als „Das ist falsch" oder „Das ist toll".
- Fehler normalisieren. Sag es laut, wenn dir selbst etwas misslungen ist, und zeig, wie du damit umgehst.
- Kohärent bleiben. Achte darauf, dass Worte und Haltung zusammenpassen, damit keine Doppelbindung entsteht.
- Zeug:innen vermeiden. Wenn jemand bloßgestellt wurde, braucht er oder sie oft zuerst Schutz und Ruhe, dann ein Gespräch unter vier Augen.
- Strukturen anpassen. Frag, welche Bedingungen neurodivergente Menschen brauchen, statt zu fragen, wie sie sich anpassen können.
Scham gehört zum Menschsein
Sarah hat die Folge mit einem Satz bereichert, der hängen bleibt: Da, wo die Scham anfängt, fängt auch das Menschsein an. Man darf deshalb auch einmal sagen: „Herzlichen Glückwunsch, du bist ein Mensch." Scham ist ein Zeichen dafür, dass dir Zugehörigkeit, Würde und Respekt wichtig sind.
Schwierig wird sie erst, wenn sie dir einredet, du müsstest dich ständig optimieren, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Dann darfst du dich daran erinnern, dass du nicht „zu viel" oder „nicht genug" bist. Du bist vollständig, so wie du bist, und nichts von dir muss weg.
Wenn du tiefer einsteigen möchtest, hör dir die ganze Folge an. Dort erzählen Annika und Ben persönliche Geschichten, Sarah gibt Einblicke aus ihrer Praxis, und es gibt viele konkrete Beispiele für den Alltag mit Kindern, in der Schule und im Beruf.
🎧 Jetzt anhören: „Scham bei ADHS & Autismus" bei Strange Brains, auf allen Podcast-Plattformen und auf YouTube. Zur Folge
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Quellen und weiterführende Literatur
- Tangney, J. P.: Constructive and destructive aspects of shame and guilt
- Shame- and guilt-proneness as mediators of associations with depressive symptoms (PMC)
- The Role of Shame in ADHD: Reflections from Clinical Practice (Springer, 2026)
- Stigma in adults with ADHD: a systematic review (Frontiers in Psychiatry, 2026)
- Autistic Adults' Experiences of Camouflaging and Its Perceived Impact on Mental Health (PMC)
- Autistic Masking in Relation to Mental Health, Interpersonal Trauma … (PubMed)
- The relationship between autistic camouflaging and mental health (Frontiers in Psychiatry, 2026)
- Rethinking Autistic Camouflaging (ACAMH)


