Subtiler Autismus

Subtiler Autismus

Wie fühlt sich Autismus an? Lächle doch bitte einmal ganz breit. Noch breiter. Und jetzt halte das mal für 45 Minuten. Halte dabei unbedingt einen Punkt fixiert. Und nicken.

Anstrengend, oder?

Und jetzt stell dir vor, du würdest das den ganzen Tag in Meetings machen. Oder im Unterricht. In deiner Freizeit.

Seit Jahren gibst du alles, lächelst zur richtigen Zeit und weißt trotzdem nie wirklich, ob du „es richtig gemacht“ hast.

Du hast gelernt, dich anzupassen. So gut sogar, dass niemand merkt, wie viel Energie das kostet. Du rastest nicht aus und musst dir dann so etwas anhören wie „Die ist nicht ganz normal, aber autistisch ist die doch ganz sicher nicht.“

Subtiler Autismus wird oft übersehen, weil die Betroffenen so gut darin geworden sind, ihn zu verbergen und das erschöpft auf eine Art, die kaum jemand versteht und manchmal nicht mal man selbst.

Was ist subtiler Autismus?

Autismus ist kein einheitliches Bild. Es ist ein Spektrum – und an einem Ende dieses Spektrums finden sich Menschen, deren Autismus von außen kaum sichtbar ist. Sie zeigen nicht unbedingt das stereotype Verhalten, haben keine offensichtliche Sprachbesonderheit. Stattdessen siehst du  hier jemand, der funktioniert, sich angepasst hat, dazugehört, zumindest auf den ersten Blick.

Was sich mit der ICD-11 verändert hat

Hier kommt etwas besonders Wichtiges – denn das Diagnosesystem hat sich grundlegend gewandelt.

Bis vor Kurzem galt in Deutschland die ICD-10 aus dem Jahr 1994 – also ein Klassifikationssystem, das auf einem Wissensstand aus den 1970er- und 1980er-Jahren basierte. Seit 2022 ist die ICD-11 weltweit in Kraft, und sie bringt echte Paradigmenwechsel mit sich:

  1. Asperger und sogenannter frühkindlicher Autismus existieren nicht mehr als eigene Diagnosen

Alle bisherigen Unterformen, sprich frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom, atypischer Autismus werden unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zusammengefasst. Das Ziel ist hier die gesamte Breite des Spektrums besser abzubilden, statt in feste Schubladen zu denken.

      2. Masking wird offiziell anerkannt

Erstmals berücksichtigt das Diagnosesystem ausdrücklich, dass Symptome je nach Entwicklungsstand und Lebenssituation maskiert werden können. Das ist ein Meilenstein, denn genau das hat jahrelang dazu geführt, dass besonders Frauen und Spätdiagnostizierte durch alle Raster gefallen sind.

     3. Auch weniger ausgeprägte Formen werden diagnostizierbar

Die ICD-11 erlaubt es nun, auch subtilere Varianten zu diagnostizieren und bewertet danach, wie stark die psychosozialen Beeinträchtigungen tatsächlich im Alltag sind, nicht danach, wie „sichtbar“ die Symptome für Außenstehende wirken.

    4. Doppeldiagnose ADHS + Autismus ist jetzt möglich

In der ICD-10 schlossen sich ADHS und Autismus gegenseitig aus. In der ICD-11 nicht mehr. Das ist enorm relevant – denn viele neurodivergente Menschen tragen beides in sich, und konnten bisher keine vollständige Diagnose bekommen.

Was subtilen Autismus so schwer erkennbar macht, ist ein Mechanismus namens Masking – das bewusste oder unbewusste Verbergen autistischer Merkmale.

Betroffene lernen früh, sich anzupassen: den Blickkontakt zu imitieren, Smalltalk zu üben, Reaktionen zu „kalkulieren“. Was anderen mühelos gelingt, geschieht hier mit enormem Kraftaufwand und das täglich, jahrelang. Die Folgen:

  • Chronische Erschöpfung durch das ständige Unterdrücken eigener Impulse

  • Identitätsverlust: „Wer bin ich eigentlich ohne meine Maske?“

  • Angststörungen aus der permanenten Furcht, aufzufallen oder abgelehnt zu werden

  • Im schlimmsten Fall: autistisches Burnout, alsoein Zustand totaler Erschöpfung, bei dem selbst Alltagsaufgaben nicht mehr möglich sind

Warum eine Diagnose so viel verändern kann

Eine Diagnose gibt Kontext.

Viele Menschen, die erst im Erwachsenenalter von ihrem Autismus erfahren, beschreiben es als tiefen Einschnitt,weil auf einmal vieles einen Namen bekommt. Die sozialen Missverständnisse. Die Erschöpfung. Das Gefühl, anders zu sein, ohne zu wissen warum. Und gerade die Änderungen der ICD-11 machen es wahrscheinlicher als je zuvor, dass Menschen, die bisher keine Diagnose bekommen haben, endlich gehört werden.

Möchtest du mehr darüber erfahren?

Genau das ist das Thema unseres nächsten Coffee Calls. Ein echter Austausch darüber, wie subtiler Autismus aussieht, was die neuen Diagnosekriterien bedeuten und was möglich wird, wenn man sich selbst endlich versteht.

👉 Hier geht’s zur Anmeldung:
https://lernen-ohne-schmerz.de/coffee-call-subtiler-autismus

Und für den tieferen Einstieg empfehlen wir noch diese Arbeit:

https://epub.ub.uni-muenchen.de/106140/1/Autismus_Spektrum_Stoerungen.pdf

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