Was bedeutet Selbsthilfe im Kontext von Neurodivergenz?

Neurodivergenz Selbsthilfe

Neurodivergenz-Selbsthilfe? Ich sitze in meinem Wohnzimmer und warte darauf, dass die Gruppe in die Videokonferenz eintrudelt. Und ich merke, wie sich etwas in mir jedes Mal wieder neu sortiert: Demut.

Echte Neurodivergenz-Selbsthilfe

Echte, ungefilterte, oft lange vermisste Begegnung zwischen neurodivergenten Menschen, die gelernt haben, sich selbst zu helfen, weil ihnen lange niemand geholfen hat.
Ich begleite solche Räume inzwischen regelmäßig. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich oft das Gefühl, nicht diejenige zu sein, die hier etwas gibt, sondern diejenige, die eingeladen wird, in die Überlebenskunst vieler neurodivergenter Menschen.

Sich selbst verstehen will gelernt sein

Viele der Menschen, mit denen ich arbeite, haben Jahre, manchmal Jahrzehnte damit verbracht, sich selbst zu verstehen, weil beispielsweise Diagnostik nicht zugänglich war. Weil Therapieplätze gefehlt haben. Weil Fachpersonen sie nicht verstanden haben oder ihre Realität infrage gestellt wurde.
Und so sind Räume entstanden. Wohnzimmer-Räume. Digitale Räume. Selbsthilfegruppen.
Ich erlebe dort etwas, das mich jedes Mal berührt: Eine Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander, die ich in vielen professionellen Kontexten vermisse. Niemand muss erklären, warum Reizüberflutung erschöpft. Niemand muss sich rechtfertigen für „zu viel“ oder „zu wenig“. Man kann gehen, wenn es zu viel wird ohne verurteilt zu werden. Und genau darin liegt eine enorme Kraft.

Ein Ort, um sich nicht „falsch“ zu fühlen

Selbsthilfe im neurodivergenten Kontext ist für viele Menschen der erste und manchmal einzige Ort, an dem sie sich nicht falsch fühlen. Der erste Ort, an dem sie Worte finden für das, was sie erleben. Der erste Ort, an dem sie Strategien kennenlernen, die wirklich funktionieren – weil sie aus Erfahrung entstanden sind, nicht aus Lehrbüchern.
Gleichzeitig macht mich genau das auch nachdenklich.
Denn so kraftvoll diese Räume sind, so sehr zeigen sie auch, wo unser System versagt.

Wenn Menschen sich selbst organisieren müssen, um grundlegende Unterstützung zu bekommen, dann ist das nicht nur ein Zeichen dafür, dass „Neurodivergenz-Selbsthilfe so gut funktioniert“. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass etwas fehlt.
Ich sehe die Wartelisten. Ich höre die Geschichten von jahrelanger Suche nach Diagnostik. Ich erlebe, wie oft neurodivergente Menschen in Systemen landen, die sie pathologisieren statt sie zu verstehen.

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Und ich sehe, wie sie trotzdem Wege finden.
Das erfüllt mich mit tiefem Respekt. Und mit einer Verantwortung.
Denn wenn ich diese Räume begleiten darf, dann nicht als diejenige, die „weiß, wie es geht“. Sondern als jemand, der anerkennt, dass hier bereits unglaublich viel Wissen vorhanden ist. Meine Aufgabe ist es nicht, zu korrigieren oder zu formen, sondern zu halten, zu spiegeln und manchmal auch einfach nur da zu sein.

Es muss nicht immer etwas besser gemacht werden

Vielleicht ist genau das etwas, das wir auch auf struktureller Ebene lernen müssen: Dass Unterstützung nicht immer bedeutet, etwas „besser“ zu machen. Sondern oft, Räume zu schaffen, in denen Menschen bereits gut genug sein dürfen.
Und trotzdem dürfen wir uns damit nicht zufriedengeben.

Neurodivergenz-Selbsthilfe darf nicht die einzige Antwort bleiben. Sie muss ergänzt werden durch ein System, das trägt. Durch Therapieangebote, die zugänglich sind. Durch Fachkräfte, die neurodivergenz-affirmativ arbeiten. Durch Strukturen, die nicht ausschließen, sondern ermöglichen.
Bis dahin werden Wohnzimmer weiterhin Orte sein, an denen etwas passiert, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: Menschen werden gesehen.
Und jedes Mal, wenn ich dort sitze, spüre ich es wieder dieses leise, klare Gefühl: Ich darf hier sein. Und das ist alles andere als selbstverständlich.
In dem Sinne sollten wir Orte wie das Wohnzimmer Neurodivers unbedingt unterstützen!

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Wir, Annika Franzke und Dr. Benjamin M. Ott GbR (Firmensitz: Deutschland), verarbeiten zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in unserer Datenschutzerklärung.
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