20 Jahre nach dem Abi stehe ich wieder in diesem Gebäude. Der Geruch ist vertraut, die Flure wirken kleiner als früher – und doch ist da sofort dieses Gefühl: Ich bin wieder mittendrin. Ein Klassentreffen kann erstaunlich viel darüber verraten, wie Schule uns geprägt hat, und was das mit ADHS und Neurodivergenz zu tun hat, wird schnell deutlicher, als man erwarten würde.
Alte Rollen, die sofort wieder da sind
Beim Abi-Treffen passiert etwas Merkwürdiges: Es dauert keine fünf Minuten, bis sich die alten Dynamiken wieder zeigen. Menschen begegnen sich und gleichzeitig auch ihren früheren Versionen. Der Klassenclown ist wieder der Klassenclown, manche wirken, als hätten sie ihre Rolle nie ganz abgelegt. Und ich spüre, wie auch ich in etwas Altes hineinrutsche – dieses diffuse Gefühl, nicht ganz dazuzugehören.
Der Unterschied ist: Heute kann ich es einordnen. Damals konnte ich das nicht. Mit etwas Abstand und mit meiner heutigen Perspektive auf ADHS und Neurodivergenz ergibt vieles plötzlich Sinn. Was früher einfach nur ein Gefühl von „anders sein" war, bekommt eine neue Sprache – und mit dieser Sprache verändert sich auch der Blick auf die Vergangenheit.
Unsichtbare Geschichten zwischen Smalltalk und Erinnerungen
In den Gesprächen des Abends tauchen immer mehr dieser unsichtbaren Geschichten auf. Zwischen Smalltalk und Erinnerungen öffnen sich plötzlich Räume, in denen es nicht mehr nur um Lebensläufe geht, sondern um das, was dahinter liegt. Ein ehemaliger Mitschüler erzählt von seiner ADHS-Diagnose und davon, wie schwer es für ihn lange war, beruflich Fuß zu fassen. Und während er spricht, denke ich aus der Erfahrung zahlreicher Coachings und Beratungen: Das ist kein Einzelfall.
Viele von uns haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Nur haben wir damals nie darüber gesprochen – wahrscheinlich, weil wir es selbst nicht verstanden haben, und ganz sicher, weil niemand gefragt hat.
Was die alten Abiturprüfungen zeigen
Ein besonders intensiver Moment entsteht, als wir unsere alten Abiturprüfungen bekommen und durchsehen. Zwischen vergilbtem Papier und roten Korrekturen entdecke ich Kommentare wie „abschweifend" oder „es werden gewagte Hypothesen aufgestellt". Ich muss lächeln – nicht, weil sie falsch waren, sondern weil ich sie heute genauso verwirrend finde. Bei einer Gedichtinterpretation zu einem literarisch komplexen Text von Gottfried Benn wäre es tatsächlich schwer gewesen, ganz ohne gewagte Hypothesen zu arbeiten.
Damals waren solche Kommentare Hinweise auf etwas, das nicht gepasst hat. Heute sehe ich darin Hinweise auf eine Denkweise, die einfach nicht ins System gepasst hat – oder zu der das System nicht gepasst hat. Das ist ein Unterschied, der alles verändert.
Deep Talk und die Frage „Was machst du jetzt so?"
Im Laufe des Abends entstehen immer wieder kleine Inseln von echten Gesprächen. Besonders mit Menschen, die sich selbst als neurodivergent beschreiben, entwickelt sich eine Tiefe, die ich aus der Schulzeit so nicht kannte. Wir sprechen über Wahrnehmung, über Anpassung, über die vielen unsichtbaren Strategien, die uns durch den Alltag gebracht haben.
Und dann passiert etwas, das fast symbolisch wirkt: Mitten in einem dieser Deep-Talk-Momente kommt jemand dazu, lächelt freundlich und stellt die klassische Frage: „Und, was machst du jetzt so?" Und wumms – da sind wir alle still. Es ist keine böse Frage, im Gegenteil, sie ist sozial völlig normal. Und doch verändert sie den Raum sofort. Die Tiefe bricht ab, das Gespräch richtet sich neu aus. Plötzlich geht es nicht mehr um Erleben, sondern um Einordnung, um Positionen, Rollen, Status.
Ich merke in diesem Moment, wie stark solche Fragen unsere Kommunikation prägen, und wie schnell sie uns aus echter Verbindung herausziehen können, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.
Was das über Schule und ADHS zeigt
Dieses Abi-Treffen hat mir mehr gezeigt als nur, wer wir geworden sind. Es hat mir gezeigt, wie sehr uns Schule geprägt hat – nicht nur in dem, was wir gelernt haben, sondern in den Rollen, die wir übernommen haben. Und es hat mir auch gezeigt, wie viele dieser Rollen nie wirklich zu uns gepasst haben.
Gerade im Kontext von ADHS wird das besonders deutlich. Viele von uns waren nicht „zu viel", „zu langsam" oder „nicht fokussiert genug". Wir waren in einem System, das bestimmte Arten zu denken, zu fühlen und zu lernen besser unterstützt als andere – ein strukturelles Missverhältnis, das selten als solches benannt wurde.
Bedeutung neu schreiben
Vielleicht ist das die größte Erkenntnis dieses Abends: Dass Verständnis rückwirkend etwas verändert, durch die Bedeutung, die wir ihm geben. Und dass es nie zu spät ist, diese Bedeutung neu zu schreiben.
Wenn du selbst auf ein Klassentreffen gehst oder an deine Schulzeit zurückdenkst, lohnt es sich vielleicht, einen Moment länger hinzuschauen. Nicht nur darauf, wer du damals warst, sondern auch darauf, unter welchen Bedingungen du es warst. Manchmal liegt genau dort der Schlüssel zu einem ganz neuen Verständnis von dir selbst.
Mehr dazu im Podcast und in der Ausbildung
In unserer neuen Podcast-Folge von Strange Brains sprechen wir genau über diese Kommunikationsstile, über den Moment, in dem ein Gespräch von echter Tiefe in reine Statusfragen umschlägt, und darüber, was das mit neurodivergentem Erleben zu tun hat.
Wenn dich solche Zusammenhänge zwischen Schule, Rollen und Neurodivergenz interessieren, findest du im Basismodul zum zertifizierten Neurodivergenzcoach fundiertes Wissen, um solche Muster nicht nur bei dir selbst, sondern auch bei anderen zu erkennen und einzuordnen. Zum unverbindlichen Reinschnuppern eignen sich unsere Coffee Calls, und im LOS Coach Connect findest du weitere Formate, die genau an solchen Themen ansetzen.


