Ich sitze mit einer Gruppe von Schüler:innen und zum Thema „neurodivergente Kinder in der Schule“ zusammen. Wir arbeiten mit der BIO+S-Methode, um herauszufinden, was sie als neurodivergente Gruppe bräuchten, um die Drop-Out Raten und den Schulabsentismus zu reduzieren.
Ich stelle eine vermeintlich einfache Frage:
„Was würde Schule für euch leichter machen?“
Bis einer antwortet dauert es wahnsinnig lang. Ein Kind sagt:
„Ich will ja gar nicht stören. Ich mache das nur, weil mir langweilig ist.“
Dieser Satz widerspricht allem, was Schule oft über solche Kinder denkt. Hier sitzt kein „schwieriges Kind“. Hier sitzt ein Kind, das im Hypoarousal seines Toleranzfensters ist und keinen Raum dafür hat.
Radikal lösungsorientiert finden wir eine Idee: Ein Raum. Kein Strafraum. Kein „Geh raus“. Ein Beschäftigungsraum. Mit Fidgets. Mit Bewegung. Mit Dingen für die Hände und den Kopf. Ein Ort, an dem Regulation möglich ist, bevor etwas eskaliert.
Aus neuropsychologischer Sicht ist das hoch sinnvoll:
Viele neurodivergente Kinder brauchen Stimulation, um aufmerksam zu bleiben. Wenn sie diese nicht bekommen, entsteht Unruhe aus dem Hypoarousal heraus. Etwas, das fälschlicherweise oft als Trotz gedeutet wird.
„Wir brauchen Stühle, mit denen man kippen kann.“
Mehrere nicken sofort.
Was hier sichtbar wird: Bewegung ist ein Regulationswerkzeug.
Gerade bei ADHS hilft Bewegung dabei, das Nervensystem zu stabilisieren und Aufmerksamkeit zu ermöglichen. Wenn wir sie verbieten, nehmen wir Kindern die Grundlage fürs Lernen. Und dennoch verbiete ich es, da die aktuellen Stühle nicht dafür gemacht sind, es dadurch zu gefährlich wäre und sie zudem kaputt gehen.
Wir sprechen über den Stundenplan: „Warum ist alles so festgelegt?“
„Warum können wir das nicht selbst mehr entscheiden?“ „Warum immer alles gleich?“ „Warum nicht später anfangen?“
Hier zeigt sich etwas Zentrales: Viele neurodivergente Kinder kämpfen nicht mit Lernen, sondern mit starren Strukturen. Ihr Gehirn misst in Energie anstelle von Zeitblöcken.
Exekutive Funktionen sind anders ausgeprägt
Exekutive Funktionen wie Planen, Starten und Durchhalten sind oft anders ausgeprägt. Gleichzeitig funktioniert Motivation meist interessensbasiert.
Die Idee, die entsteht: Ein System mit Stempelkarten statt festem Stundenplan.
Als das Thema Essen aufkommt, wird es kurz still. Dann sagt ein Kind: „Ich vergesse einfach, mir was mitzubringen.“
Andere stimmen zu. Die Lösungsvorschläge sind pragmatisch
- Snackautomaten
- Wasserspender
- geschnittenes Obst
Exekutive Funktionen betreffen nicht nur Schule, sondern den ganzen Alltag. Die Körperwahrnehmung (Interozeption) funktioniert bei neurodivergenten Menschen oft anders. Signale wie Harndrang, Hunger oder Durst werden oft erst sehr spät oder gar nicht registriert.
Und ohne stabile Energieversorgung wird Lernen schlicht biologisch schwierig. Die Lösung könnte so einfach sein.
„Nicht jeder hat das Privileg, sportlich zu sein.“
Viele neurodivergente Kinder erleben hier wiederholt Misserfolg, weil ihre Voraussetzungen andere sind. Sie wissen durch die mangelnde Propriozeption – so erklärte es mir ein kleiner Klient – nicht, wo sie anfangen und aufhören.
Ich schreibe es mal so, wie es die KI treffend formulieren würde:
Nicht die Kinder sind das Problem. Die Strukturen sind es.
Wenn wir anfangen zuzuhören, verändert sich die Perspektive:
Aus „Das Kind stört“ wird → „Das System passt nicht.“
Aus „Das Kind muss sich anpassen“ wird → „Wir müssen Schule neu denken.“
Höre dir zu diesem Thema auch die Podcast-Folge mit Ben und mir als Gast an!


