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Autismus im Coaching: Was sich mit der ICD-11 verändern wird

Wenn du als Neurodivergenzcoach tätig bist oder gerade deine Ausbildung machst, kommst du an einem Thema nicht vorbei: Autismus-Spektrum-Störungen und wie sich das Verständnis darüber in den letzten Jahren deutlich gewandelt hat. Was früher als klares Diagnosebild galt, ist heute viel nuancierter – und das hat direkte Auswirkungen auf deine Arbeit.

Vielleicht kennst du das aus deiner eigenen Praxis oder aus deinem Umfeld: Menschen kommen mit der Frage, ob sie „vielleicht auch autistisch" sein könnten, obwohl sie so gar nicht dem Bild entsprechen, das sie aus Film und Fernsehen kennen. Sie sind sozial, haben Jobs, Familien und Freundeskreise, und trotzdem fühlen sie sich seit Jahren erschöpft und anders. In diesem Artikel schauen wir gemeinsam darauf, was sich beim Thema Autismus verändert hat, warum ADHS und Autismus so häufig gemeinsam auftreten und was Coaching in diesem Feld leisten darf – und was nicht.

Was sich beim Thema Autismus verändert hat

Das Bild von Autismus in der Öffentlichkeit ist oft noch von alten Vorstellungen geprägt: das Kind, das nicht spricht, keinen Blickkontakt hält und sich in seinem eigenen Kosmos bewegt. Dieses Bild greift viel zu kurz. Und es schadet Menschen, die sich selbst darin nicht wiederfinden, obwohl Autismus für sie sehr wohl eine Rolle spielt.

Was wir heute wissen: Autismus ist ein breites Spektrum. Es gibt keine zwei autistischen Menschen, die identisch sind. Manche brauchen im Alltag umfassende Unterstützung, andere führen ein scheinbar unauffälliges Leben und zahlen dafür einen hohen inneren Preis. Der Begriff „Spektrum" meint dabei kein Mehr oder Weniger an Autismus, sondern ein vielfältiges Profil aus Stärken, Herausforderungen und Bedürfnissen, das sich von Person zu Person unterscheidet.

Auch der Blick auf Geschlecht und Alter hat sich verändert. Lange wurde Autismus vor allem bei Jungen erkannt, weil die Kriterien an deren Verhalten ausgerichtet waren. Mädchen und Frauen fielen oft durchs Raster. Sie kompensieren häufiger, passen sich an und erhalten ihre Diagnose deutlich später: In einer bayerischen Befragung lag das Diagnosealter von Frauen im Durchschnitt 7 bis 11 Jahre über dem von Männern [web:28]. Dazu kommen häufiger Fehldiagnosen in der Vorgeschichte [web:28].

Masking: Wenn Anpassung zur Dauerbelastung wird

Viele Autist:innen, besonders Frauen und Menschen, die spät diagnostiziert werden, haben jahrzehntelang gelernt, sich anzupassen. Dieses sogenannte Masking (auch Camouflaging genannt) beschreibt das bewusste oder unbewusste Verbergen autistischer Merkmale, um in einer neurotypischen Welt zu funktionieren [web:27]. Dazu gehört zum Beispiel, Blickkontakt zu halten, obwohl er anstrengt, auf Smalltalk zu reagieren, obwohl er sinnlos erscheint, oder die eigenen Reaktionen auf Reize zu unterdrücken, obwohl sie das Nervensystem belasten [web:17].

Dieses Dauer-Schauspiel kostet immens viel Energie. Es kann zu Erschöpfung, Burnout und dem Gefühl führen, nie wirklich „man selbst" zu sein. In Berichten autistischer Erwachsener wurde Masking als der am häufigsten genannte Grund für autistischen Burnout beschrieben [web:26]. Eine aktuelle Studie bringt Masking bei autistischen Frauen außerdem mit Angst und Depression in Verbindung [web:16]. Das zeigt: Masking ist kein harmloses „Sich-zusammenreißen", sondern ein ernstzunehmender Belastungsfaktor.

Ein autistischer Burnout fühlt sich oft anders an als klassische Erschöpfung. Viele Betroffene beschreiben, dass sie plötzlich nicht mehr tun können, was sie jahrelang selbstverständlich getan haben [web:19]. Als Coach musst du das nicht diagnostizieren. Aber du kannst solche Muster erkennen, ernst nehmen und die Person dabei unterstützen, sich Hilfe und Entlastung zu organisieren.

Autismus und ADHS – warum beides zusammen vorkommt

Eines der wichtigsten Themen der letzten Jahre: ADHS und Autismus schließen sich nicht aus. Lange Zeit war eine Doppeldiagnose schlicht nicht möglich, weil die Diagnosemanuale dies nicht vorsahen. Bis zur Einführung des DSM-5 im Jahr 2013 galten die beiden Diagnosen als sich gegenseitig ausschließend [web:22]. Seitdem dürfen beide gleichzeitig gestellt werden, wenn die Kriterien beider Bilder erfüllt sind [web:21]. Auch die ICD-11 lässt das gemeinsame Auftreten ausdrücklich zu [web:25].

Studien zeigen, dass beide Bilder überdurchschnittlich oft zusammen auftreten [web:23]. Die fachliche Erklärung ist unter anderem, dass sie einen erheblichen Anteil genetischer Risikofaktoren teilen [web:24]. In der Praxis wird für das Zusammentreffen oft der Begriff „AuDHD" verwendet. Er ist allerdings kein offizieller Diagnosebegriff. In der fachlichen Abklärung werden Autismus und ADHS jeweils einzeln betrachtet und anschließend zusammengeführt [web:23].

Für die Praxis bedeutet das: Beide Neurotypen beeinflussen sich gegenseitig. Das Bedürfnis nach Struktur und Vorhersehbarkeit kann auf den Drang nach Abwechslung und Stimulation treffen. Hohe Reizempfindlichkeit kann neben Impulsivität bestehen. Gerade deshalb lassen sich die Anteile im Coaching oft nur schwer voneinander trennen, und das müssen sie auch nicht. Es reicht, wenn du die Widersprüche und Spannungen im Erleben deines Gegenübers ernst nimmst, statt sie in ein einziges Raster zu pressen.

Was Klient:innen heute zu dir mitbringen

Für dich als Coach bedeutet das: Klient:innen kommen mit unklarer Vorgeschichte zu dir. Manche haben einen ADHS-Verdacht aus der Jugend, den nie jemand weiterverfolgt hat. Andere haben mehrere Diagnosen, die sich nicht stimmig anfühlen, oder sie stehen noch ganz am Anfang mit einem wachsenden Bewusstsein für die eigene Neurobiologie.

Sie suchen keine Diagnose von dir. Sie suchen jemanden, der sie versteht, ohne sie in eine Schublade zu stecken. Genau das ist eine deiner größten Stärken als Neurodivergenzcoach: Du kannst einen geschützten Raum anbieten, in dem Menschen ihre Erfahrungen sortieren dürfen, ohne bewertet zu werden. Das gilt auch dann, wenn die Diagnostik noch aussteht oder bewusst nicht gewünscht ist.

Eine kleine Orientierung, mit welchen Themen Klient:innen häufig kommen:

  • anhaltende Erschöpfung, die sich durch Schlaf kaum bessert
  • das Gefühl, im Beruf oder in Beziehungen ständig eine Rolle zu spielen
  • Überforderung durch Reize, Termine oder soziale Erwartungen
  • Schwierigkeiten mit Planung, Prioritäten und Alltagsstruktur
  • die Frage, ob sich eine Diagnostik lohnt und wo man sie bekommt

Was darf Coaching bei Autismus leisten – und was nicht?

Das ist eine der meistgestellten Fragen in der Neurodivergenzcoach-Ausbildung: Wo hört Coaching auf, wo fängt Diagnostik an? Die Antwort ist eigentlich einfach, auch wenn sie sich in der Praxis komplex anfühlt. Es lohnt sich, drei Ebenen sauber zu unterscheiden:

  • Diagnostik klärt, ob jemand eine Diagnose bekommt. Das ist Aufgabe von Ärzt:innen und Psycholog:innen.
  • Psychoedukation informiert über neurobiologische Zusammenhänge. Das kann im richtigen Rahmen Teil von Coaching sein.
  • Coaching begleitet Menschen dabei, ihr Leben mit ihren individuellen Voraussetzungen besser zu gestalten. Es fragt nicht „Was stimmt nicht mit dir?", sondern „Was brauchst du, um gut zu funktionieren?"

Als Neurodivergenzcoach darfst du keine Diagnose stellen. Du musst auch nicht wissen, ob jemand „wirklich" autistisch ist. Du musst gut darin sein, einen Menschen in seiner Gesamtheit zu sehen: mit seinen Stärken, Erschöpfungsmustern, Schutzstrategien und Ressourcen.

Wenn Diagnostik der nächste sinnvolle Schritt ist

Manchmal merkst du im Coaching, dass eine fachliche Abklärung hilfreich sein könnte. Dann ist es deine Aufgabe, das Thema behutsam anzusprechen, ohne Druck und ohne Etikett. Du kannst Informationen über Anlaufstellen weitergeben und gemeinsam überlegen, was die Person sich von einer Diagnose erhofft: Klarheit, Entlastung, Zugang zu Unterstützung oder einfach eine Erklärung für das eigene Erleben.

Gut zu wissen: Eine sorgfältige Diagnostik bei Verdacht auf beide Bereiche umfasst eine ausführliche Anamnese der Kindheit und Jugend, standardisierte Verfahren für Autismus und für ADHS sowie die Berücksichtigung von Masking und Kompensation. Wenn möglich, kommt eine Fremdanamnese durch Eltern oder enge Bezugspersonen dazu [web:21]. Ideal ist eine Stelle, die beide Bereiche kennt und gemeinsam bewertet, damit nicht nur eine Seite des Profils gesehen wird [web:18]. Diese Hinweise kannst du Klient:innen mitgeben, ohne selbst diagnostisch zu arbeiten.

Wichtig ist außerdem, dass Erschöpfung allein noch kein Beleg für Autismus ist. Sie bekommt ihre diagnostische Bedeutung erst im Zusammenhang mit der gesamten Entwicklung und weiteren Merkmalen [web:29]. Diese Zurückhaltung gehört zu professionellem Coaching: neugierig bleiben, ohne vorschnelle Schlüsse zu ziehen.

Stärkenorientierung statt Defizitblick: ein Paradigmenwechsel

Das vielleicht Wichtigste, was sich im Umgang mit Autismus verändert hat, ist nicht die Diagnostik, sondern die Haltung. Die Autismus-Community selbst hat maßgeblich dazu beigetragen, Autismus nicht mehr als Störung zu verstehen, die „behandelt" werden muss, sondern als neurologische Variante, die besondere Anforderungen an die Umwelt stellt. Viele spät diagnostizierte Frauen berichten, dass die Diagnose ihr Leben verändert hat, nicht weil sich außen etwas veränderte, sondern weil sie aufgehört haben, sich selbst zu pathologisieren [web:19].

Auch die Sprache spiegelt diesen Wandel. Begriffe wie „neurodivergent" oder „autistisch" (statt „mit Autismus behaftet") sind Ausdruck davon. Sprache formt Haltung, und Haltung formt, wie du Menschen begegnest. Wenn du von „Störung" sprichst, richtest du den Blick automatisch auf das, was fehlt. Wenn du von Neurotypen und Passung sprichst, richtest du ihn auf das, was möglich ist.

Für Neurodivergenzcoaches ist das eine Einladung: Sieh zuerst, was ein Mensch mitbringt. Tiefe Konzentrationsfähigkeit, Systemdenken, Ehrlichkeit, Detailwahrnehmung und Loyalität sind meist keine Zufälle. Oft sind das direkte Ausdrucksformen des autistischen Neurotyps. Das heißt nicht, dass Herausforderungen kleingeredet werden. Es heißt, dass du Ressourcen und Belastungen gleichermaßen im Blick hast.

Praktische Impulse für dein Coaching

Wie sieht stärkenorientiertes Coaching mit autistischen Klient:innen konkret aus? Einige Ansatzpunkte, die sich in der Praxis bewährt haben:

  • Klar und transparent kommunizieren: Erkläre Ablauf, Dauer und Ziel einer Sitzung vorab. Vorhersehbarkeit entlastet.
  • Reizarmes Setting schaffen: Licht, Geräusche und Sitzordnung machen einen Unterschied, online wie vor Ort.
  • Direkte Sprache nutzen: Vermeide mehrdeutige Formulierungen und frage lieber konkret nach, was gemeint ist.
  • Energie sichtbar machen: Hilf Klient:innen zu erkennen, was sie Energie kostet und was ihnen Energie gibt, zum Beispiel durch ein Energiekonto oder ein Wochenprotokoll.
  • Masking thematisieren: Frage behutsam, in welchen Situationen sich jemand verstellt und was das mit ihm macht. Nicht jeder Schutz muss sofort abgelegt werden.
  • Selbstbestimmung achten: Die Klient:innen sind Expert:innen für ihr eigenes Erleben. Du begleitest, statt vorzugeben.

All das setzt voraus, dass du dich nicht als diejenige Person verstehst, die „den richtigen Weg" kennt. Du bist Begleiter:in und Sparringspartner:in. Deine Rolle ist, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die zum Nervensystem, zu den Werten und zum Alltag deines Gegenübers passen.

Podcast-Tipp: Jung und freudlos, Folge 94

Wir bei LOS – Lernen ohne Schmerz haben einen klaren Anspruch: Wir empfehlen nur Inhalte weiter, die wir selbst gut finden. Der Podcast „Jung und freudlos" gehört dazu. Er macht komplexe Fachinhalte rund um Psychotherapie zugänglich, ohne sie zu vereinfachen, und das ist im deutschsprachigen Raum noch zu selten.

Folge 94 zum Thema Autismus-Spektrum-Störungen ist dafür ein gutes Beispiel. Das Gespräch ist informativ, differenziert und gleichzeitig angenehm zu hören, auch für Menschen ohne medizinischen Hintergrund. Du kannst sie hier anhören: Jung und freudlos – Folge 94.

Wie du dich fachlich weiterentwickeln kannst

Gutes Neurodivergenzcoaching braucht beides: den Kopf und das Herz. Also Fachwissen über neurobiologische Zusammenhänge, Diagnostik und Komorbiditäten, aber auch eine reflektierte Haltung und Sicherheit im Umgang mit realen Coaching-Situationen. Beides lässt sich lernen, am besten im Austausch mit anderen.

In der Neurodivergenzcoach-Ausbildung bei LOS – Lernen ohne Schmerz arbeiten wir genau an dieser Schnittstelle: Fachwissen aufbauen, Haltung reflektieren, Praxissicherheit gewinnen. Wir nutzen dafür auch aktuelle Impulse, etwa Podcastfolgen zu neuen Entwicklungen rund um ASS, um Wissen sofort auf reale Coaching-Situationen zu übertragen. Dort findest du außerdem ein ganzes Modul zu Autismus.

Wenn du dich erst einmal austauschen möchtest, schau gern bei unseren Coffee Calls vorbei oder entdecke die Veranstaltungen im LOS Coach Connect. Dort triffst du Menschen, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen.

Fazit: Autismus-kompetent coachen heißt zuhören, statt zu etikettieren

Du wirst in deiner Coaching-Praxis Menschen begegnen, die schon lange das Gefühl haben, anders zu sein, ohne Worte dafür zu haben. Deine Aufgabe ist es nicht, diese Worte zu liefern. Aber du kannst den Raum schaffen, in dem Menschen sich selbst besser verstehen. Das ist der Kern von Neurodivergenzcoaching.

Dafür brauchst du kein perfektes Diagnosewissen. Du brauchst eine klare Haltung, Neugier und die Bereitschaft, dich immer wieder neu zu informieren. Das Verständnis von Autismus entwickelt sich weiter, und mit ihm deine Möglichkeiten, Menschen wirklich zu helfen.

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