Es war einer dieser heißen Juni-Abende, an denen man im Zoom-Raum schon fast damit rechnet, erstmal allein dazusitzen. Wir saßen also da, ein bisschen skeptisch, ein bisschen am Schwitzen und mit der leisen Frage im Hinterkopf, ob heute überhaupt jemand dazu kommt — und genau daraus wurde ein richtig schöner CoachConnect-Abend zum Thema neurodivergenzsensibles Coaching mit Coachingcard by Niko.
Mit Coachingcard by Niko verbindet uns eine lange Geschichte. Wir kennen uns schon seit vielen Jahren, haben uns damals direkt sympathisch gefunden und schnell gemerkt, dass da nicht einfach nur eine lockere Bekanntschaft entstanden ist, sondern echte Verbundenheit. Antonia Klein-Nikolaidis war außerdem eine der ersten Menschen, die an uns geglaubt hat und die ohne langes Zögern gesagt hat, dass sie mit uns einen kleinen Videokurs macht, auch wenn dabei vermutlich nicht mehr als ein paar Euro herausgekommen sein können 🤭…
Ein warmer Coachingcard Abend
Vielleicht war es genau deshalb so besonders, dass wir diesen Abend gemeinsam im Zoom-Raum verbringen konnten. Aus einer warmen Sommeratmosphäre wurde ein Gespräch, das nicht oberflächlich blieb, sondern direkt mitten ins Thema ging: Gefühle, Beziehung und die Frage, wie neurodivergenzsensibles Coaching in neurodivergenten Beziehungen aussehen kann.
Im Beziehungsdschungel
Dafür haben wir zunächst die Karte Beziehungsdschungel genutzt. Allein der Name passt schon sehr gut, denn Beziehungen sind selten ordentlich sortiert. Oft ist eher viel los: unterschiedliche Bedürfnisse, missverständliche Signale, alte Muster, neue Hoffnungen, Nähe, Rückzug, Unsicherheit und der Versuch, sich trotzdem gut zu begegnen. Die Karte hilft dabei, genau diese Dynamiken sichtbar zu machen, ohne sie sofort zu bewerten oder platt zu vereinfachen.
Antonia stellt ihre Karten oft unter ein theoretisch fundiertes Dach, und so ist diese Coachingcard an das Liebesmodell von John Lee angelehnt und eignet sich besonders, um Beziehungsdynamiken zu reflektieren und ins Gespräch zu bringen.
Im Johari-Fenster
Im Coaching mit neurodivergenten Menschen ist das besonders spannend. Denn oft ist nicht nur die eigentliche Situation herausfordernd, sondern schon die Frage, wie etwas wahrgenommen, eingeordnet oder verstanden wird. Das Johari-Fenster kann dabei helfen, diese Ebenen auseinanderzuhalten. Es macht deutlich: Nicht alles, was ich an mir selbst kenne, ist auch für andere sichtbar. Und nicht alles, was andere an mir wahrnehmen, ist mir selbst bewusst. Genau in diesem Spannungsfeld entstehen häufig die wichtigsten Lernmomente. Für uns war der Übergang vom Beziehungsdschungel zum Johari-Fenster deshalb so wertvoll, weil sich beide Karten wunderbar ergänzt haben. Die eine bringt Bewegung in die Beziehungsdynamik, die andere bringt Klarheit in die Wahrnehmung. Zusammen entstehen daraus nicht nur gute Fragen, sondern echte Erkenntnisse. Und genau solche Erkenntnisse braucht neurodivergenzsensibles Coaching: nicht als starres Konzept, sondern als lebendige Haltung.
Coaching ist Beziehung
Menschen wirklich so begleiten, dass ihre Unterschiede mitgedacht werden. Dass Sprache, Tempo, Struktur und Zugänge so gewählt werden, dass Verstehen möglich wird. Dass Coaching nicht an Normen festhält, sondern an Beziehung. Gerade darin liegt für uns der Kern von neurodivergenzsensibler Arbeit. Es geht nicht darum, Menschen in ein Schema zu pressen, sondern darum, Räume zu schaffen, in denen sie sich mit ihren Besonderheiten, Unsicherheiten und Stärken wiederfinden können.
Der Abend mit Coachingcard by Niko hat das auf eine schöne, leichte und gleichzeitig tiefgehende Weise gezeigt. Am Ende blieb nicht nur das gute Gefühl eines gelungenen Austauschs, sondern auch die Erinnerung daran, wie wertvoll gewachsene Beziehungen sind. Wenn Vertrauen da ist, wenn man sich kennt und wenn man gemeinsam bereit ist, genauer hinzuschauen 🫶
John Lees Liebesmodell
Zu John Lees Liebesmodell: John Lee geht davon aus, dass Liebe nicht einfach nur „da“ ist, sondern sich in unterschiedlichen Formen zeigt. Sein Modell unterscheidet sechs Liebesstile: Eros, Ludus, Storge, Pragma, Mania und Agape. Damit beschreibt er, dass Menschen Liebe sehr unterschiedlich erleben, ausdrücken und in Beziehungen leben können. Eros steht für leidenschaftliche, intensive Liebe, die stark von Anziehung und romantischer Nähe geprägt ist. Ludus beschreibt Liebe eher spielerisch, unverbindlich und mit einem gewissen Maß an Freiheit. Storge ist die freundschaftliche, vertraute Liebe, die sich langsam entwickelt und auf Stabilität baut. Pragma meint eine eher pragmatische, vernunftorientierte Form von Liebe, bei der Passung, Alltagstauglichkeit und gemeinsame Werte wichtig sind. Dazu kommen Mania, eine sehr besitzergreifende, oft unsichere und schwankende Form von Liebe, und Agape, also eine selbstlose, hingebungsvolle Liebe, die stark vom Geben geprägt ist. Gerade diese Vielfalt macht das Modell so hilfreich, weil es zeigt, dass Beziehungen nicht nach einem einzigen Ideal funktionieren müssen.
Für ein neurodivergenzsensibles Coaching ist das besonders wertvoll. Unterschiedliche Liebesstile können helfen zu verstehen, warum zwei Menschen sich trotz echter Zuneigung immer wieder missverstehen. Oft liegt das Problem nicht an zu wenig Liebe, sondern daran, dass Liebe unterschiedlich gezeigt, gelesen und erwartet wird.


